Aktuelle Veröffentlichungen zu Rahmenbedingungen in den Freiwilligendiensten
20. April 2026Am 1. Juli 2011 wurde der Bundesfreiwilligendienst eingeführt, als die Wehrpflicht ausgesetzt wurde und damit auch der Zivildienst sein Ende fand. Der neue Dienst sollte die Lücke füllen, die durch die wegfallenden Zivildienstleistenden im sozialen Bereich zu erwarten war. Der BFD wurde neben die etablierten Engagement-Formate Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) gestellt. Die Zivilgesellschaft hatte sich zuvor dafür ausgesprochen, die finanziellen Mittel statt in einen neuen Dienst eher in den Ausbau der seit Jahrzehnten erprobten Freiwilligendienste zu leiten. Demgegenüber stand das Bestreben, die Verwaltungsstrukturen aus dem alten Zivildienst zu erhalten und in den neu geschaffenen BFD zu überführen – das Bundesamt für den Zivildienst wurde zum BAFzA, die alten Zivildienstschulen wurden zu Bildungszentren, in denen Freiwillige im BFD seitdem eine verpflichtende Bildungswoche absolvieren müssen.
Die Zentralstellen und Träger der Freiwilligendienste haben die Herausforderungen des BFD als neuem Dienstformat und der damit verbundenen Doppelstrukturen angenommen und unter großem Einsatz bewältigt: So haben die in den etablierten Jugendfreiwilligendiensten FSJ und FÖJ sowie auch neu hinzugekommene Anbieter*innen den neuen Dienst schnell mit Sinn und Leben gefüllt. Die bestehenden Zivildienstplätze wurden in Freiwilligenplätze umgestaltet und zahlreiche neue Einsatzstellen kamen hinzu.
Heute besteht eine Vielfalt an vor allem zivilgesellschaftlichen Organisationen und Einrichtungen, die Freiwilligenplätze bereithalten und die freiwillig Engagierten in ihrem Dienst begleiten. All diese Akteur*innen zusammen machen die diversen Freiwilligendienste zu einem Gewinn hoch drei – für die Freiwilligen, die Menschen in den Einrichtungen und die Gesellschaft als Ganzes. Und dennoch blieb der BFD der „kleine Bruder“ der etablierten Freiwilligendienstformate, obwohl er für Interessierte jeden Alters offen ist. Während im Durchschnitt rund 33.000 Menschen einen BFD absolvieren, sind es im FSJ fast 50.000 Engagierte pro Jahr und zusätzlich über 3.000 im FÖJ.
Heute steht die Gesellschaft – bildlich gesprochen – wieder vor einer Tür, durch die es gemeinsam durchzugehen gilt. Der Hintergrund ist eine genau gegensätzliche Entwicklung im Vergleich zu 2011: Konflikte haben zugenommen. Verteidigungsfähigkeit und Resilienz bestimmen das politische Handeln. So wurden die Bundesfördermittel für die nationalen Freiwilligendienste im Haushaltsjahr 2026 deutlich erhöht, die Internationalen Freiwilligendienste stehen dagegen unter Kürzungsdruck. Ein neuer Wehrdienst wurde beschlossen, die breite Musterung wird wieder eingeführt, die Wiedereinführung einer (Kontingent)Wehrpflicht steht im Raum. Entsprechend schafft das BMBFSFJ aktuell die rechtlichen Voraussetzungen für einen neuen Zivildienst als Ersatz zum Wehrdienst. Und dieser soll nun – anders als früher – nicht mehr als komplett eigenes Format existieren, sondern eng mit dem Bundesfreiwilligendienst verknüpft werden. Damit sind die Dienste für die Gesellschaft erneut in den Fokus geraten und das Gleichgewicht zwischen den Formaten könnte sich künftig verändern.
Eine einfache „Rolle rückwärts“ ist nicht möglich, denn es gilt aktuelle Fragen zu beantworten:
- Wie sollen die verschiedenen Dienste in Zukunft weiterentwickelt werden und v.a. wie sollen sie sich auch zueinander verhalten?
- Welche Bedeutung können die Dienste künftig für die Gesellschaft haben, in der das Fundament des demokratischen Zusammenlebens immer mehr unter Druck gerät und die Gesellschaft insgesamt resilienter werden soll?
- Wie können wir die Gleichberechtigung von engagierten Männern und Frauen sicherstellen?
So gilt es heute, die Erkenntnisse der letzten 15 Jahre zu identifizieren und diese in den aktuellen Überlegungen zu berücksichtigen:
- Die Einführung des neuen Dienstes vor 15 Jahren hat viel Kraft für den Aufbau und die vielfachen Anpassungen der Strukturen erfordert. Ein neuer Dienst kann also nur mit aktiver Beteiligung der Zivilgesellschaft eingeführt und ausgestaltet werden. Da, wo er nicht gut zu den zivilgesellschaftlichen Strukturen passt, führt er dauerhaft zu Reibung und Mehraufwand, was unbedingt zu vermeiden ist.
- Zivilgesellschaftliche Strukturen haben zentrale Bedeutung beim Engagement für die Gesellschaft. Die Menschen möchten sich in den Einrichtungen und Strukturen in ihrem Lebensumfeld engagieren und tun dies auch. Diese werden von der Zivilgesellschaft bereitgestellt und kreativ weiterentwickelt. Die zivilgesellschaftlichen Strukturen müssen verlässlich finanziert und in den Mittelpunkt der Förderung gestellt werden.
- Vielfalt der Einsatzfelder und Anbieter*innen macht die Attraktivität der Dienste aus. Die vielen unterschiedlichen Einrichtungen, Tätigkeitsfelder, Ziele und Herangehensweisen, aber auch Werte und Überzeugungen der zivilgesellschaftlichen Strukturen machen die Attraktivität und den Erfolg der Engagement-Felder aus. Dies ist künftig unbedingt zu berücksichtigen. Es sind also alle Maßnahmen zu ergreifen, diese Vielfalt und Zugänglichkeit zu erhalten und zu stärken.
- Es braucht eine gemeinsame Sichtbarkeit und ein zentrales Online-Portal für alle Freiwilligendienste, um bei der Vielfalt der Formate und Einsatzfelder eine Überschaubarkeit nach außen und einen einfachen Zugang zu gewährleisten. Information fördert Partizipation für alle Zielgruppen! Daher sollte der Bund sowohl Kampagnen und öffentlich kommunizierte Wertschätzung fördern als auch weiterhin das zentrale Online-Portal für die Freiwilligendienste freiwillig-ja.de.
- Zentral für den Aspekt des Lernens, der Orientierung und eines nachhaltigen Engagements ist die pädagogische Begleitung der Freiwilligen. Damit diese verlässlich, mit professionellem Personal und auf einem hohen Niveau umgesetzt werden kann, braucht es eine stabile und auskömmliche Finanzierung für die hauptamtlichen Strukturen in der pädagogischen Begleitung über verlässliche und angemessene Fördermittel.

